Jugend für Menschenrechte
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Schluss mit den Sekten

AAuszüge aus dem Buch von Massimo Introvigne und Hubert Seiwert
(Diagonal Verlag, Marburg 1998; Gekürzte Auszüge mit freundlicher Genehmigung;
Buch bei Aktion-Dialog erhältlich)

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wird das Thema "Sekten" von Religionswissenschaftlern und Soziologen allenfalls am Rande behandelt, und diejenigen Wissenschaftler, die sich damit befassen, müssen erleben, dass ihre Arbeit von der Öffentlichkeit und staatlichen Stellen entweder ignoriert oder angegriffen werden, weil die Ergebnisse vielfach nicht dem in der Öffentlichkeit gepflegten Bild entsprechen.

Bei einem Thema wie diesem, das in starkem Masse die Gemüter erregt und selbst Parlamente beschäftigt, ist es wichtig, dass die öffentliche Diskussion und politischen Entscheidungsprozesse auch die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung berücksichtigen.

In vielen Ländern stützt sich die öffentliche und politische Meinungsbildung nahezu ausschliesslich auf die Informationen und Interpretationen von Experten, die auch nach ihrem eigenen Selbstverständnis nicht um wissenschaftliche Objektivität bemühte Forschung betreiben, sondern sich der Auseinandersetzung mit und teilweise auch der Bekämpfung von Sekten widmen. Das Recht zu einer solchen Opposition zu neuen religiösen Bewegungen kann von niemandem bestritten werden. Gleichwohl muss eingeräumt werden, dass die Gefahr einer gewissen Einseitigkeit besteht, wenn die Öffentlichkeit und Politik sich in erster Linie an der Sichtweise erklärter Sektengegner orientieren.

Zu welch gravierenden Fehleinschätzungen es dabei kommen kann, wird an dem Sektenbericht der französischen Enquête-Kommission deutlich, der Anfang 1996 veröffentlicht wurde. Die öffentliche Reaktion auf diesen Bericht war beträchtlich. Es meldeten sich unter anderem verschiedene Wissenschaftler zu Wort - Soziologen, Juristen, Religionswissenschaftler, die den Bericht scharf kritisierten und ihm schwere methodische und sachliche Fehler vorwarfen - es werde einseitig und unreflektiert die Sicht bestimmter privater Interessengruppen von engagierten Sektengegnern übernommen, während die reichhaltige wissenschaftliche Literatur mit ihren differenzierenden Analysen völlig ignoriert werde.

Gemeinsam ist diesen politischen Massnahmen, dass sich in ihnen Ängste und Befürchtungen widerspiegeln, die in der Öffentlichkeit weit verbreitet und - wie bei Ängsten nicht anders zu erwarten - nicht frei von irrationalen Zügen sind.

Anderseits ist aber auch unverkennbar, dass mit dem abwertenden Begriff "Sekte" in der öffentlichen Diskussion alle möglichen Formen von Religion diskriminiert werden. Dies fördert die Tendenz, möglicherweise berechtigte Kritik an einzelnen neuen Religionen oder ihren Vertretern undifferenziert auf die Gesamtheit nicht konventioneller Religionen zu übertragen und in diesen Religionen generell eine Gefahr zu sehen. Es ist diese Tendenz, ohne genaue Prüfung des Einzelfalls, neue Religionen pauschal als schädlich für die Gesellschaft anzusehen.


Sektenkontroversen
Es erübrigt sich hier, etymologische oder wissenschafts-geschichtliche Betrachtungen zum Wort "Sekte" anzustellen. Der alltagssprachliche Gebrauch des Wortes kümmert sich nicht um die Etymologie oder um wissenschaftliche Definitionsversuche. Unzweifelhaft ist, dass "Sekte" in der Alltagssprache ein Begriff mit negativem Beigeschmack ist, unzweifelhaft auch, dass damit in erster Linie religiöse Gemeinschaften bezeichnet werden. Es ist auch offensichtlich, dass sich keine Religionsgemeinschaft selbst als "Sekte" bezeichnet. "Sekten" sind immer nur andere. Dem Begriff haftet somit nicht nur etwas Negatives an, sondern auch etwas Ausgrenzendes. Als "Sekten" - so kann man den umgangssprachlichen Gebrauch bestimmen - werden religiöse Gemeinschaften bezeichnet, von denen man sich abgrenzt, die ausgegrenzt werden.



Der wertfreie Begriff "neue Religionen" wird freilich von engagierten Sektenkritikern vermieden, wenn nicht abgelehnt, ganz offensichtlich, weil er nicht wie "Sekten" bereits begrifflich eine Abwertung und Ausgrenzung zum Ausdruck bringt.

Der Religionswissenschaftler E.Geldbach hat die gegen Methodisten und Baptisten im 19. Jahrhundert vorgebrachten Polemiken in einer gut dokumentierten Studie untersucht. Dabei fällt auf, dass die Argumente teilweise bis in Detail jenen gleichen, die heute gegen neue religiöse Bewegungen vorgebracht werden. Die heutige Sektendiskussion steht also in einer historischen Kontinuität.

Überblickt man die Entwicklung der letzten Jahre, so ist es schon befremdlich, dass der Sekten-Vorwurf, vor allem der des Fanatismus, besonders häufig von sogenannten "linken" und fortschrittlichen Gruppierungen an neue geistliche Gemeinschaften gerichtet wird. Fehlt es da nicht manchmal am Verständnis für christliche Leidenschaft und Bereitschaft zu vollem Einsatz?


Wissenschaftler und Politiker in der Sektenkontroverse
Wer neue religiöse Bewegungen wissenschaftlich untersucht, schaltet sich damit in einen politischen Prozess ein, ob er es will oder nicht.

In den Wissenschaften gelten methodische Regeln, die andere und erheblich höhere Ansprüche an die Begründung von Urteilen stellen als die alltägliche Kommunikation. Insbesondere wird von wissenschaftlichen Aussagen verlangt, dass sie einer empirischen Überprüfung standhalten. Bei der alltäglichen Verständigung über die Wirklichkeit genügt es dagegen, dass ein Konsens unter den Kommunikationsteilnehmern erzielt wird.

Sind Religionswissenschaftler dazu berufen, sich in die Politik einzumischen? Eine Antwort auf diese Frage fällt leichter, wenn wir sie umkehren. Wäre es zu rechtfertigen, wenn Wissenschaftler zu gesellschaftlichen Entwicklungen schweigen, obwohl sie aufgrund ihrer Fachkenntnis diese Entwicklung für gefährlich halten?

Dies gilt gerade dann, wenn sich im öffentlichen Bewusstsein Vorstellungen über die Wirklichkeit verfestigen, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen falsch sind. Noch wichtiger ist, dass Wissen über die Wirklichkeit die Voraussetzung für rationales Handeln ist.

Es besteht deshalb ein gesamtgesellschaftliches Interesse daran, dass sich politisches Handeln auf wissenschaftlich begründetes Wissen stützt, das bei allen Mängeln ungleich gesicherter ist als ein Wissen, das allein durch Prozesse der öffentlichen Meinungsbildung oder gar durch die von partikularen Interessen geleitete Wirklichkeits-interpretation politischer Akteure begründet ist.

Die historische Erfahrung lehrt, dass es mitunter schwer ist, die Emotionen zu kontrollieren, die durch religiöse oder ideologische Konflikte geweckt werden. Wo Emotionen aufwallen, werden leicht Kräfte freigesetzt, deren Eigendynamik sich jeder rationalen Kontrolle entzieht. Umso wichtiger ist es, dass die staatliche Politik sich von diesen Emotionen freihält. Andernfalls beraubt sich die Politik selbst der Möglichkeit einer rationalen Problemlösung.

Ein freiheitlicher Staat, der seinen Bürgern Lebensrisiken abnehmen will, begibt sich auf die schwierige Gratwanderung zwischen sozialer Fürsorge und Bevormundung. Das Risiko, sich einer religiösen oder weltanschaulichen Minderheit anzuschliessen und dabei Schaden zu nehmen, ist ohne jeden Zweifel gegeben.

Allerdings steht diesem Risiko die Chance gegenüber, einen religiösen oder spirituellen Weg zu finden, der den eigenen Bedürfnissen und Wertvorstellungen entspricht. Wir können - bis zum Beweis des Gegenteils - annehmen, dass die meisten Mitglieder religiöser Minderheiten ihre Mitgliedschaft positiv bewerten.

Wenn aber der Staat sich in diese Auseinandersetzung einschaltet, überschreitet er seine Kompetenz.

Für die Gesellschaft insgesamt gilt, was Hans Maier mit Blick auf die religiöse Vielfalt der katholischen Kirche formuliert hat: "Es muss in der Kirche Platz sein für ganz unterschiedliche Wege, für alte und bewährte, aber auch neue und unerkannte. Dabei sind die Grenzen oft fliessend; Manches was neu erscheinen mag, ist in Wirklichkeit nur Wiedergewinnung von Verlorenem und Vergessenem.." Diese Forderung nach einer Bereitschaft zum wirklichen Pluralismus ist mehr als nur ein Aufruf zur Toleranz. Sie ist ein Hinweis darauf, dass gerade die Vielheit unterschiedlicher Wege eine Voraussetzung dafür ist, auf neue Problemstellungen in einer sich rapide und unvorhersehbar wandelnden Welt reagieren zu können.

Gleichwohl wird durch religiöse Bewegungen gewissermassen eine Option zumindest offengehalten, deren kulturelle Innovationskraft nicht unterschätzt werden darf.

Es ist deshalb historisch kurzsichtig, religiöse und weltanschauliche Devianz als Störfaktoren der gesellschaftlichen Entwicklung bekämpfen zu wollen. Gewiss, neue religiöse Bewegungen können störend sein, weil sie die selbstverständliche Geltung des gesellschaftlichen Konsenses in Frage stellen. Doch dies ist der Preis der kulturellen Innovationsfähigkeit. Das Auftreten von "neuen religiösen Bewegungen" ist nicht dysfunktional, sondern "produktiv".





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